"Ausschnitte – Papierarbeiten"

Ede Mayer und Susanne Kiebler leben und arbeiten beide in Konstanz, einer nicht sehr großen, alten Stadt am Bodensee, im Alpenvorland, nah den Schweizer Bergen – kein Künstlermekka, keine Großstadtwirren, kaum Hinterhöfe.

Es scheint so naheliegend:  beide Künstlerinnen sind interessiert an malerischer Landschaftsdarstellung, der Erfahrung und Verarbeitung der Weite von Naturräumen, nur begrenzt durch Horizontlinien, welche vielfältig gestaltete Erdoberflächen, ebene Uferlandschaften ebenso wie Gebirgsansichten, von Himmelsstrukturen trennen. 

Allerdings nähern sich Ede Mayer und Susanne Kiebler dem Landschaftsthema derart unterschiedlich, dass ein vorschneller Bezug zwischen Arbeitsumgebung und Motivschwerpunkt kaum klärend erscheint.

Ede Mayer ist gern „unterwegs“ (so auch der Titel einer Ausstellung im Kunstraum Bad Waldsee 2008/9). Sie reist gern, wandert viel und nimmt viel und Unterschiedliches wahr. Ihr Blick ist dabei der Beginn ihrer Malerei. Sie skizziert Gesehenes in Aquarellen vor Ort. Aber auch Fotographien dienen ihr als Skizzen, die sie in ihrem Konstanzer Atelier in gegenständliche Malerei umsetzt, weiterbearbeitet und teilweise auch der Malerei unmittelbar einfügt. Sie ist an Variationen des Gesehenen interessiert und möchte die Bandbreite ihrer gegenständlichen Wahrnehmung soweit als möglich ausschöpfen. In den Blick geraten ihr Landschaften, die eher still und unspektakulär sind, menschenleer, aber oft Spuren menschlicher Eingriffe zeigen: eine Kanallandschaft, Brückenansichten.

Susanne Kieblers Begriff von Landschaft und deren malerischer Verarbeitung ist ein gänzlich anderer: sie geht nicht aus von Gesehenem, sondern von einer Ahnung, wie Landschaft sich in einem eher zufälligen Gefüge von Farbflächen, von raumklärenden und –bestimmenden Zeichnungen ergeben könnte: wie eine dunkeltönige Passage im oberen Drittel einer Arbeit plötzlich und eher ungefähr einen Waldzug assoziieren lässt – oder auch nicht, je nach Blickwinkel oder Distanz des Betrachters. Entscheidend für Kieblers Malerei ist, dass das vollendete Werk Ansichten des Zufälligen und Ungeplanten vermittelt, auch um den Preis, dass manche Passage offen und fast unfertig wirkt. Umso einsichtiger aber wird darin Kieblers Blick auf Landschaft: es sind Naturräume, die sie in ihrem Potential ständiger Veränderung, den nicht absehbaren Prozessen von Verschiebung, Auflösung und Neuentstehen malerisch verarbeitet.  

Ede Mayers  gegenständliche Malerei könnte sich in ihren raschen, freien Pinselschwüngen leicht  auf Motive der Landschaft als Naturraum beschränken, wäre ihr Blickfeld nicht immer schon geweitet: in früheren Arbeiten zeigte Ede Mayer hohe, lichte Innenräume, die auf industrielles Umfeld deuteten. Diese Architekturaffinität hat sich Ede Mayer erhalten, auch wenn sie nun Außenräume thematisiert, die in ihrer Weite und Großzügigkeit Landschaft suggerieren, erweitert um urbane Motive, der technischen Überformung von Naturraum. 

Die Beschäftigung mit Landschaft trifft sich bei beiden Künstlerinnen mit einem weiteren gemeinsamen Interesse: die visuelle Wahrnehmung von Landschaft ist gebunden an einen sichtbaren Ausschnitt der Erdoberfläche, der von einem Punkt aus überschaubar wird. Diesen Ausschnitt zu wählen, den Punkt der Überschaubarkeit spielerisch immer wieder neu zu bestimmen, ist in den Arbeiten von Ede Mayer wie Susanne Kiebler bestimmend.

Ede Mayer variiert dabei von Arbeit zu Arbeit zwischen weiten Panoramaeinstellungen bis hin zu gezoomten Strukturen, die etwa Details einer Schilflandschaft ganz nah rücken. Eine Konsequenz dieses an Film- und Kameratechniken erinnernden Vorgehens ist, dass Ede Mayer in den jüngsten Arbeiten montageähnlich verfährt: Arbeitsfotos, kleinformatige fotografische Landschaftsabbildungen, die oft den ersten Zugang zu malerischer Ausgestaltung bedeuten, installiert sie in die malerische Arbeit, indem sie Foto und Malgrund in ihrer Oberflächenwirkung, in Glanz, Licht und Farbe, einander annähert und Materialübergänge geschmeidig macht.  

Ausschnitthaftes Gestalten führt bei Susanne Kiebler zu spielerischer Collagetechnik:  bemalte und bezeichnete Papierbahnen werden gerissen und zu abstrakten Kompositionen zusammengefügt, deren Kohärenz durch minimalistische Zeichnungslinien bestärkt wird.

Beide Künstlerinnen arbeiten seriell. Bei Ede Mayer sind es die Motive, die sie wiederkehrend aufgreift und in Variationen unterschiedlich fasst: bei der Ansicht einer Metallbrücke fokussiert Ede Mayer einmal auf die technische Verfasstheit der Stahlverstrebungen, dann wieder sieht sie diese als Landschaftselement, in dem die sich kreuzenden, mäandernden Metallträger fast naturstofflich erscheinen. 

Für Susanne Kiebler ist es der Malprozess an sich, die Art und Weise, wie sie beim Einrichten des Malgrunds, der Farbwahl, des Verhältnisses von gemalter Fläche und gezeichneter Linie vorgeht, welche die Serialität ihres Werks begründet: sie lenkt den Zufall, der für ihre Malerei so wesentlich ist, indem sie etwa Farbe, Arbeit für Arbeit,  in Schüttbewegung auftrug und die Ergebnisse dieses Malexperiments in einer Werkreihe aufmerksam verfolgte – bis sie diese Herstellungsregel wieder verließ, gegenwärtig steht die malerische Eigenaktion, der geführte Pinselstrich,  im Vordergrund. 

Verbindend ist auch der Werkstoff Papier: Ede Mayer empfindet Lust am Papier, das einfache, leicht verfügbare Material bedeutet für sie die Möglichkeit, frei und unbeschwert mit dem Pinsel zu skizzieren und eine erste Bildanlage zu schaffen. Der leichte Malgrund regt sie im weiteren Bearbeitungsprozess dazu an,  manche Passagen in skizzenhafter Flüchtigkeit und Vorläufigkeit zu belassen und der detailgenauen Ausarbeitung anderer Bildteile zu kontrastieren. 

Um  Susanne Kieblers besondere Bindung an das Material Papier zu ermessen, genügt ein Blick in ihr großräumiges Atelier: der Boden ist bedeckt mit locker geschichteten, sich gegeneinander türmenden  Papieren, unterschiedlichen Formats, teils bemalt, teils mit grafischen Zeichen überzogen, in unregelmäßige Stücke gerissen – leicht zugängliche Versatzstücke, immer bereit, in Kieblers Collagen-Prozessen ihren Ort zu finden.

Dass die Arbeiten der beiden Künstlerinnen in vielerlei Hinsicht Bezüge aufweisen, kann nicht von ihrem je eigenen künstlerischen Zugang ablenken:

Ede Mayer bekennt sich als gegenständliche Malerin. Allerdings geht es ihr nicht um die pure Abbildung landschaftlicher Realitäten - sie fragt sich vielmehr, welche Formen und Strukturen es sind, mit denen ein Wissen über die Wirklichkeit darstellbar wird -  wie weit das Spiel von reduzierter, sich selbst begrenzender Wiedergabe zu treiben ist. So schieben sich in ihren Landschaften großzügige Farbflächen gegeneinander und formieren sich dennoch unverkennbar zu Hügelketten, weiten Himmelsgewölben, Steilufern. Zeichnerische Elemente werden zurückhaltend eingearbeitet: nur selten als Vorzeichnung,  die durch feinen Strich abgegrenzten Flächen werden schon im nächsten Arbeitsschritt durch malerischen Zugriff eingenommen und farbig überformt. Der Farbeinsatz variiert erheblich: in grisaillehafter Ausarbeitung wird Farblosigkeit weit getrieben, dann wieder wird die Farbigkeit von Details, Blattstrukturen einer Sumpflandschaft etwa, herausgearbeitet. Dabei sind es meist gebrochene Farben, die sie vielschichtig aufträgt - kein blauer Himmel, kein hell leuchtendes Baumgrün, eher Weiß-grau, Grau-schwarz oder Ocker. Erst in jüngsten Arbeiten finden sich sattere Farben, Rot- und Blautöne etwa, deren aufgelöste Flächigkeit Distanz zu allzu realistischem Abbilden anzumelden scheint. Ede Mayer arbeitet mit Acrylfarbe, oft im Feuchtauftrag, der dem an der Wand fixierten Papier Farbschlieren beibringt -  und dem klassisch- gegenständlichen Landschaftsmotiv lebhafte, die Senkrechte betonende Störakzente. Dem wässrigen Farbauftrag steht aber auch pastoses Arbeiten gegenüber, das durch intensive Farbdichte architektonische Details,  Säulen oder Gebäudefassaden,  geradezu erhaben wirken lässt. Durch vielfaches Übermalen entsteht insgesamt eine räumliche Tiefe, die zu einer diffusen, manchmal fast schillernden Ausleuchtung der ländlichen wie städtischen Ansichten führt. Oft ist es die letzte dieser Farbschichtungen, die ein für Ede Mayers Werk entscheidendes Moment sichtbar macht: bei allem Forschen nach Wesentlichem, dem Prototyp, sind ihre Bilder nie statisch, sondern gestalten in einem raschen, bewegten Pinselstrich das Flüchtige eines Augenblicks. Bei der Präsentation ihrer Werke geht Ede Mayer installativ vor: durch formale wie inhaltlich-kompositorische Bezüge der Arbeiten untereinander entsteht eine bildliche Gesamtinstallation, bei der die Einzelwerke, oft in ungewöhnlichen Schmalformaten, mal quer, mal längs gefasst,  dennoch für sich bestehen.  Auch in dieser Inszenierungsweise ihrer Arbeiten macht Ede Mayer klar, wie gegenwärtig und aktuell sie als gegenständliche Landschaftsmalerin ist.

Susanne Kiebler zeigt Arbeiten in quadratischem Format, deren Trägermaterial Leinwand ist. Darauf werden gerissene Papierstreifen, gefunden auf der Bodenschicht des Ateliers, zu einem amorph gestalteten weiteren Malgrund appliziert. Einige dieser Papierfetzen sind bemalt, andere hingegen zeigen eine grobe Rasterung in Schwarzweißtönen und sind Ergebnis von Kopierprozessen: kleine Fotovorlagen werden am Fotokopiergerät mehrfach und stark vergrößert. Auch diese fotografischen Vorlagen sind Fundstücke: Kiebler stieß zufällig auf ein Memoryspiel aus den 60ziger Jahren, das ungewöhnlicherweise wenig spektakuläre Landschaftsaufnahmen zu umso komplexeren Gedächtnisanforderungen verarbeitete. Diese schon verblichenen Memorykärtchen sind nicht nur in ihrem quadratischen Ausmaß ein naheliegender Ausgangspunkt für Kieblers Arbeiten, die gegenwärtig ein 150 x 150-Format favorisieren. Vielmehr stößt auch die übersichtliche Bildanlage der Spielkarten, ihre schon dem geringen Format geschuldete klare Komposition von Wiesenvordergrund, Flusslauf und Waldrückenhintergrund, die Flächengestaltung in Kieblers Malerei an. Für die Farbgebung hat Kiebler eigenwillige Arbeitsabläufe erarbeitet: Wasser, in dem Pinsel ausgewaschen wurden, bleibt im Farbeimer stehen, trocknet ein und ergibt Farbtöne, die in feinem Grünblau als raffinierte Pastellpigmente erscheinen und das Farbspektrum um unerwartete Mischtöne bereichern. Kieblers Farbpalette ist stets reduziert und von Zurückhaltung geprägt, auch wenn ihr Werk durch unterschiedliche Farbphasen geht – das Blau-Grün-Grau der gegenwärtigen Arbeiten wird oft transparent aufgetragen und gibt den Blick frei auf Graphitzeichnungen, die in minimalistischer Linienführung eine eigene Bildschicht bilden. Kräftig-dominante Farbgebung, die dem graphitgrauen Zeichenstrich keinen Ansichtsort ließe, würde Susanne Kieblers Gestaltungsfreiheit unzulässig begrenzen: die Option, malerische Farbflächen und graphisch-zeichnerische Lineatur frei zu kombinieren, ist für ihre Arbeiten wesentlich. Susanne Kiebler malt und zeichnet nicht nur, sie fotografiert auch: mit dem Handy nimmt sie Pflanzliches am Straßenrand auf, meist eher Abgeblühtes, Unkraut, das planlos neben dem Asphalt wuchert, aber dessen zufällig entstehende Linienmuster aus trockenen Stengel und  knickenden Halmen die Künstlerin faszinieren. Sie vergrößert diese Schwarzweiß-Aufnahmen, verstärkt den Kontrast, reißt Strukturen in ihrem spannungsvollen Gemisch von vielschichtiger Dichtheit und sich dennoch abgrenzender Linienführung heraus und fügt sie einem neuen Bildganzen ein, bei dem zeichnerische und malerische Interventionen auf die fotografische Grundstruktur reagieren. Dabei führt sie die unterschiedlichen Bildelemente in einer Farbreduktion auf Schwarz-Weiß-Grautöne so eng, dass Übergänge kaum wahrnehmbar werden und die ursprüngliche Gegenständlichkeit des Handyfotos eher bedeutungslos – und sich so einpassen in Susanne Kieblers Grundidee abstrakter Landschaftsmalerei, aufgeschlossen allem Zufälligen und Ungeplanten. 

Susanne Kiebler und Ede Mayer zeigen «Ausschnitte – Papierarbeiten» - und darüber hinaus, wie bezugsreich und doch spannungsvoll-gegensätzlich sich Malerei in der Gegenwartskunst zu positionieren vermag. 


„Ausschnitte - Papierarbeiten“, Dolores Claros Salinas in „Papierarbeiten“, Katalog zur Ausstellung von Susanne Kiebler und Ede Mayer im Kunstverein Frauenfeld, Februar 2013