"Die Bilderwelten von Susanne Kiebler“

Es geht um etwas anderes

 

Die Bilderwelt von Susanne Kiebler  - Ein Zwischenruf

 

"Nulla dies sine linea" - kein Tag ohne Linie - schreibt Paul Klee 1938 an den Rand seines Oeuvre-Katalogs. Gemäß diesem, dem römischen Dichter Plinius entliehenen Satz, stürzt sich der Künstler gegen Ende seines Lebens in einen wahren Schaffensrausch. 1939 sind es 1253 Werke, im Todesjahr noch 366 Arbeiten.

 

Klee  entwickelt eine "Disciplin",  die ihn selbst überrascht. "Die Production  nimmt ein gesteigertes Ausmaß in sehr gesteigertem Tempo an, und ich komme diesen Kindern nicht mehr ganz nach. Sie entspringen", schreibt er an den Sohn Felix. Die zeichnerische "Production", eine Art Ich-Summe  im Angesicht des Todes, wächst zum großen Bilder-Diarium.  

 

Am Anfang von Susanne Kiebler war - die Linie. Wie bei Klee. Wie bei vielen anderen Künstlern.  Mit der Zeichnung als "schöpferischem" Medium beginnt ihr Selbstverständnis als Künstlerin. Das Wesen der Zeichnung - von Malerei und Zeichnung handelt diese Ausstellung - beruht auf der Linie. Stolz nennt Klee die Linie sein "Ureigentum". Mehr noch: Sie ist "Strom in die Ferne. Gedanke. Bahn. Angriff. Degen, Stich, Pfeil, Strahl. Schärfe des Messers. Gerüst. Zimmermann aller Form: Lot". Die Linie ist etwas, was der Künstler nicht der Natur verdankt, was er  ihr voraus hat - und zwar Klee,  Susanne Kiebler, alle Künstler, die sich der Linie vertrauen, mit ihr spielen, sie sprechen und widersprechen, sie wirken lassen. 

 

Eine Art Ich-Summen-Spiel, ein  Bilder-Diarium  gibt die getroffene Auswahl an Zeichnungen dieser Ausstellung nicht her -   wie wohl die gesamte zeichnerische Produktion Susanne Kieblers. Sollen  sie nicht und wollen sie auch nicht sein. Neben vielen anderen Unterschieden: 

 

Klee sah den Abgrund  vor sich -  Susanne Kieblers Sitz ist mitten im Leben, jenseits aller physischen Bedrängung. Dennoch glaubt man in diesen (und in einigen anderen, nicht ausgestellten) Zeichnungen auch die von ihm vertraute labile Balance zwischen Mensch und Gott, Erde und Kosmos, Traum und Wirklichkeit, Kindheit und Tod zu entdecken. Oft sind es nur dünne Bleistiftgespinste und flüchtig hingeworfene Kritzeleien oder eine hieroglyphenartig, in dicken schwarzen und/oder farbigen Strichen aufgetragene geheimnisvolle, rätselhafte  Zeichensprache. Als wollte auch sie der Welt beweisen: "Diesseitig bin ich nicht fassbar". 

 

Die Künstlerin minimalisiert diese Formen- und Zeichenwelt bis hin zur Primitivität; ja stellenweise  bis zu deren  Auflösung ins Unbegreifliche. Was noch bleibt ist die Linie - oft in satirischer Leichtigkeit und/oder in spielerischer Dramaturgie, immer präzise, lebens- und zeitnah. Und auch hier wirkt die "Disciplin" mit.  Die gar nicht einfach darzustellende Sucht nach Einfachheit bedeutet die Rückerinnerung an den Kinderstil als künstlerischer Ursprache, die dem Menschen sozusagen angewachsen ist.  Man darf  auch von "letzter professioneller Erkenntnis" sprechen. 

Man denke in diesem Zusammenhang  an einen anderen Titanen der Moderne, Pablo Picasso. Als Malschüler seines gestrengen Vaters startet er seine Laufbahn in der akademischen Manier; der Greis aber schließt  sein Werk mit einer expressiven, ja geradezu wilden Malerei ab. Auch Susanne Kiebler, die über die Jahre in die Geheimnisse der Gestaltbildung eingedrungen ist, hat über den profanen Gegenstand zur Abstraktion gefunden.  Gegenständliche Elemente erscheinen  nur noch  sporadisch in ihrem Werk - ein Stuhl, ein Tisch vielleicht, eine Schale als flüchtiges Fragment, das den Zweck verfolgt, eine plastische dreidimensionale Form von Räumlichkeit und ein zusätzliches Spannungsmoment ins Bild zu tragen.    

Mit der Zeichnung  als "schöpferischem" Medium  beginnt Susanne Kieblers Selbstverständnis als Künstlerin - die fällige Entdeckung der Farbe verführt sie zur Malerei. Eine intuitive Automatik? 

Dass die graphischen Mittel an Gewicht verlieren, ist nur konsequent. Aber "die Sensitivität des Linearen" (Barbara Stark) geht darüber nicht verloren, sie verändert nur ihr Gesicht. Sie fließt ein in die Malerei, kreuzt und quert sie. Die mitunter balkendicken Linien "verdichten" die malerischen Bildräume, "wandeln" sie zu wahren Kraftfeldern. Auf der Inhaltsebene suggeriert dieser narrative Strom  immer wieder auch rationale Tendenzen - das ist ein schöner Fall von Sinnestäuschung. Denn die Bedeutung der Zeichen ist offen: Wir nehmen an einer Expedition in Bereiche außerhalb der Begriffe teil.  

Malerei und Zeichnung wirken nicht nebeneinander, sie gehen eine Liaison ein, ja, sie scheinen wie  füreinander geschaffen.  Ich denke hierbei nicht an Harmonie. Eher an Spannung. Und an gesteigerten Diskurs. Das fertige Bild verdeckt den Entstehungsprozess, der bei Suanne Kiebler nach Gesetzen einer inneren Dynamik verläuft. Doch: Wann ist ein Bild "fertig"? "Vollendet"? Die eigentliche Vollendung war für den Vater der Moderne, Paul Cézanne,  das Unvollendete. Sie war nicht Skizze, nicht Etude, nicht vorbereitende Studie und vor allem nicht  unfertig! Im Übrigen: Kunst kann sich ohne eine gewisse Unvollständigkeit nicht entwickeln, da sich das Leben, das sie darstellt, ständig verändert! Eigentlich ein Gemeinplatz. 

Das (vorläufige) Ergebnis ihrer  Kunstanstrengung ist nicht zuletzt auch abhängig von der Motorik des Armes, der Intensität des Farbabriebs, und dies alles  zusammen wieder von der Verfasstheit der Künstlerin; Malen ist für diese Künstlerin  kalkulierte Spontaneität, meditativer Akt, instinktive Handlung - aber auch eine rasante, zitatenreiche  Fahrt durch die Malerei der Moderne. Dennoch entsteht nichts Vorgewusstes.

 

Susanne Kiebler erarbeitet nicht nur neue Bildwelten auf  langen Papierbahnen mit Stift, Tuch, Spraydose  oder Pinsel - in den letzten  Versuchsanordnungen dominierten die Farben Schwarz, toniges Grün und leuchtendes Gelb; insgesamt reduziert sich die Palette auf wenige Farben, die flächig aufgetragen ganz unterschiedliche Strukturen ergeben. Die Künstlerin greift, um das Werk zu "vollenden",  auch auf Schere, Messer und Klebstoff zurück. Sie "entreißt" der Papierbahn regelrecht die Bildausschnitte, die sie dann auf  die Leinwand eines Keilrahmens bannt. Das ist eine hochkonzentrierte Angelegenheit. Schon das Drehen der Achse kann zu einer neuen Bedeutung oder zu einer neuen Erfahrung führen. Dass sie die Ausschnitte  rigoros über den Rahmen hinaus zieht - eine vor allem von Jackson Pollock bekannte "All-over"-Technik  - gibt Susanne Kieblers Bildern etwas reliefartiges, eine dritte Dimension. 

Diese Form des Collagierens ist mehr als nur ein kombinatorischer Akt, es ist Teil des Dramas des Gestaltens. Es geht ums Ganze. Hier artikuliert sich ästhetisches Denken, das durch und durch bildhaft und zeichenhaft strukturiert ist. Im Gegensatz zu den "abfälligen" Collagen der Kubisten und Dadaisten verwendet Susanne Kiebler kein Material unterschiedlicher Herkunft. Dass dieser Eindruck dennoch entsteht, ist künstlerische Absicht und verdankt sich vor allem der schrundigen, schorfigen, aber auch der bisweilen weichen und zarten Farbhaut der Bilder. Aus diesen haptisch und visuell reizvollen Strukturen und Farbklängen beziehen die Arbeiten ihre unmittelbare sinnliche Wirkung.  

Auch der Meister der Ambivalenz, Klee, bediente sich bekanntlich der Collage- und Ausschnitt-Technik. Der Optik wegen, aber auch, wie er einmal notierte, weil er misslungene  Kompositionen nicht wegwerfen wollte. Klee sah in diesem Vorgang, der auch Zerstörung und sogar Vernichtung bedeutet, eine Analogie zur organischen Zellteilung. Teilung, so verstanden, kam einer Vermehrung gleich. 

Der strategische Gebrauch von Schere, Messer und Klebstoff, bei Susanne Kiebler ohne wirklich aggressiven Impetus, eröffnet neue schöpferische Möglichkeiten. Die Künstlerin kann Teilstücke bearbeiten, einzelne Sujets isolieren, bestimmte Motivketten betonen, die Autonomie der Farben hervorheben, neue dramatische Situationen und Verfremdungen schaffen. In Einzel- und Glücksfällen  entstehen  aus einer Farbbahn mehrere "Neugeburten".  Ob sie letztlich überleben, dem  Kunstideal ihrer Schöpferin Stand halten, ist allerdings eine ganz andere Frage. 

Denn Susanne Kiebler ist skrupulös, was die endgültige Auswahl  ihrer Bilder angeht. Längst nicht jede Arbeit erhält ihre Absolution. Und nicht jede Bildidee gelingt. Aber gehören Zweifel, zumal Selbstzweifel nicht seit jeher zum Ritual? Und machen sie am Ende nicht den Perfektionisten aus? Die Kunstgeschichte  kennt hier viele Beispiele. 

 

Als Cézanne nach 115 Sitzungen das Porträt seines Freundes Ambroise Vollard 1899 beendete, registrierte der Freund auf der Hand einige punktförmige Stellen, die nicht bemalt waren. Der Künstler, darauf angesprochen,  antwortete: "Wenn meine Sitzung heute Nachmittag im Louvre gut ist, kann ich morgen vielleicht den richtigen Ton finden, und die  weißen Punkte zudecken. Wissen Sie Monsieur Vollard, wenn ich da irgend etwas Zufällige hinzusetzte, wäre ich gezwungen, das ganze Bild von diesem Punkt aus nochmals anzufangen".  Vollard resignierte. Der Zweifler Cézanne setzte sich durch. Die Punkte blieben unbedeckt. Das Werk gilt dennoch als ein Meisterwerk.         

Die Bilder von  Susanne Kiebler haben selten Titel, allenfalls gibt sie ihnen Nummern. Ihre Bilder brauchen keine Wegweiser. Sie sind - in dieser Hinsicht - Ausdruck einer richtungslosen Ambition. Der Verzicht auf  "sprechende" Titel hat allerdings auch noch einen anderen Hintergrund: er steht im ursächlichen Zusammenhang mit ihrem  Selbstverständnis als eine Malerin, die das "offene" Kunstwerk praktiziert. Und hier befindet sich die Künstlerin  in einer freundschaftlichen Komplizenschaft  mit Cézanne. Der Franzose  zeigt uns nicht mehr  - wie die Impressionisten und die anderen Maler davor - einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit. Seine Bilder sind keine Fenster zur Realität. Wenn Cézanne einen Apfel malt, dann geht es ihm nicht um die Darstellung der Frucht, um ihren Geschmack oder um ihren Geruch. Es geht um etwas anderes: um eine, durch die Malerei erzeugte, autonome Bildwirklichkeit. 

Um  nichts anderes ringt Susanne  Kiebler in  ihrer Malerei und in den Zeichnungen. Es geht um Kunst und um sonst gar nichts. Die großen Themen fehlen, die Utopie - aber haben wir davon nicht schon genug gesehen?  Und ihr Scheitern? Susanne Kieblers Bilder erzählen keine Geschichte. Sie beschreiben keine Szenen aus dem Leben. Sie sind sicherlich nicht "schön" im herkömmlichen Sinne. Dazu scheint es unmöglich, ihren Sinn zu erfassen oder zu kommentieren - was im Fall des Vor-Abstrakten Cézanne noch gelingen mag. Aber es sind "Bilder, die sich selbst genug sind, die (...) der Frage nachspüren, ob es immer noch und immer wieder möglich ist, ein Bild zu malen, das sich  selbst trägt und definiert aufgrund der Mittel, aus denen es geformt wurde" (Barbara Stark).  Insofern befindet sich Susanne Kiebler in bester "moderner" Gesellschaft. Vor den großen Meistern lernte sie denken, vor der Natur lernte sie sehen.

 

Obwohl Kunst (wie auch das Spiel) nach Immanuel Kants Diktum dem interesselosen Wohlgefallen unterliegt und keinen direkten Nutzen erbringen, bleibt sie nicht ganz ohne Wirkung - einmal vom Kunstmarkt abgesehen. Dass Malerbilder gleich eine Revolution angezettelt hätten -  Cézanne erhoffte sich dies vom Abbild einer einzigen Mohrrübe - ist mir nicht bekannt.  Für eine  intellektuelle Auseinandersetzung sind Susanne Kieblers Bilder immer gut. Dass sie auch zu Herzen gehen  - es  wäre eine Probe aufs Exempel wert. 

 

"Die Bilderwelten von Susanne Kiebler“, Siegmund Kopitzki in „Susanne Kiebler - Papierarbeiten“, 2004