"memory"

Es war eine zufällige Entdeckung, die Susanne Kiebler zu ihrer neuen Werkserie inspirierte. Auf dem Wertstoffhof stieß die Konstanzer Künstlerin auf ein altes Lernspiel für Kinder aus den 1970er Jahren. Auf den kleinen Kärtchen finden sich vollkommen unspektakuläre Aufnahmen von Landschaften. Ein kahler Erdhügel, ein kleiner Bach, der sich durch eine Wiese schlängelt, eine Pfütze auf einem Feldweg. Es ist schwer vorstellbar, dass Kinder das spannend gefunden haben sollen. Und die heutige Kindergeneration fände es vermutlich tödlich langweilig. Doch Susanne Kiebler war begeistert. 

 

Die Künstlerin hat eine Vorliebe für öde und leere Landschaften und erzählt von beeindruckenden Reisen nach Island und in die Wüste Sinai. In diesen unwirtlichen Gegenden findet sie Inspiration. Genauso hätten sie die Spielkärtchen angesprochen. Kiebler ließ die Motive vergrößern und begann, die Bilder zu übermalen. Von den zugrundeliegenden Landschaftsmotiven ist in den fertigen Bildern nur noch wenig zu sehen. Die collageartigen Bildfindungen fesseln den Betrachter umso stärker. Die reale Landschaft ist einer leisen Andeutung gewichen, ist nur mehr eine ferne Erinnerung. An der Schwelle zur Abstraktion formen sich die Strukturen und zeichnerischen Versatzstücke zu einer neuen Landschaft, die dem Betrachter genügend Freiraum lässt, um eigene Vorstellungen zu entwickeln. Dabei arbeitet die Künstlerin immer seriell, so dass ein Bild auch immer in Verbindung mit dem Vorgänger oder dem nachfolgenden Bild gesehen werden muss.

Susanne Kiebler ist seit vielen Jahren als Dozentin für Bildnerisches Gestalten an der Pädagogischen Hochschule des Kantons Thurgau tätig. In der letzten Zeit hat sie mit ihren Studenten viel mit dem iPhone gearbeitet und experimentiert. Das blieb für ihre eigenen Arbeiten nicht ohne Folgen. Doch schauen wir zunächst zurück: Es ist noch gar nicht so lange her, dass Susanne Kiebler sich auf die Schütttechnik, wie wir sie vom Action Painting her kennen, konzentrierte. Jackson Pollock hieß das Vorbild, doch die Künstlerin beschränkte sich nicht auf das so genannte Drip Painting, das ursprünglich von dem surrealistischen Maler Max Ernst entwickelt wurde und bei dem zufällige Strukturen erzeugt werden. Kiebler ging einen entscheidenden Schritt weiter. Zunächst breitete sie meterlange Papierbahnen auf dem Boden ihres Ateliers aus und schüttete oder sprühte Farbe darüber. So weit, so gut. Doch erst, nachdem die Farbe getrocknet war, begann die eigentliche Arbeit: Das mehrlagig am Boden ausgebreitete Papier diente Susanne Kiebler lediglich als Rohmaterial für ihre außergewöhnlichen Collagen. Die Künstlerin nennt es ihr „Bildreservoir“ und griff im Folgenden zu Schere, Messer und Klebstoff. Sie entreißt den Papierbahnen regelrecht die Bildausschnitte, die dann auf die Leinwand eines Keilrahmens gebannt werden. Ein aufwändiges Verfahren.

Die Schüttechnik ist nicht kontrollierbar. Die Strukturen, die sich auf dem Papier bilden, verdanken sich letztlich dem Zufall. Susanne Kieblers aktuellen Arbeiten liegen dagegen Fotografien zugrunde. Die Aufnahmen, die mit dem iPhone angefertigt wurden, geben der Künstlerin zunächst die Kontrolle zurück. Der Zufall wird ausgeschaltet. Der Kontrast zu den Schüttbildern könnte nicht größer sein. Doch die Fotografien bilden nur den Ausgangspunkt – es folgt auch hier eine grundlegende Überarbeitung und es zeigt sich, dass Susanne Kiebler in ihrem künstlerischen Schaffen erstaunlich konhärent bleibt. 

 

Wie die Memorykärtchen des alten Kinderspiels werden auch die iPhone-Fotografien zunächst vergrößert. Auch die Motive gleichen sich: Kiebler fotografiert Pflanzen und Sträucher – oft handelt es sich um Unkraut. Wieder also Motive, für die man gewöhnlich kein Auge hat. Mit der extremen Vergrößerung und dem Ausdruck in Schwarzweiß lenkt die Künstlerin die Aufmerksamkeit ganz auf die Strukturen. Ein feines, sehr zeichnerisch anmutendes Liniengespinst entsteht, Muster von  faszinierender Schönheit. Die Bilder nähern sich auch hier der Grenze der Abstraktion. Nur aus großer Entfernung erkennt man noch das zugrundeliegende Motiv. 

Wie bei den Schüttbildern geht Kiebler nun daran, mit dem Papier zu arbeiten. Sie reißt, sie schneidet, sie klebt – eine neue Landschaft entsteht, die sich aus bis zu sieben Fotografien zusammensetzt. Irritierenderweise ist die Collage nur aus direkter Nähe als solche erkennbar. Auch der Pinsel kommt zum Einsatz. Die Übermalungen sind mal dezent, mal dominierend. Gezielt gesetzte Farbakzente beleben die Bilder. Die Farbpalette ist reduziert. Die Bilder teilen sich ein grelles Gelbgrün und ein geheimnisvolles, kaltes Hellblau. Eine gewagte Kombination, die direkt ins Auge sticht. 

 

Die Zeichnung ist für die Künstlerin nach wie vor ein unverzichtbares Element. Das zeigt sich nicht zuletzt an ihren Radierungen. Die Zeichnungen sind bewusst reduziert gehalten. Alles ist Linie. Wir erkennen Versatzstücke vertrauter Landschaften: ein Zaun, Äste, ein Ruderboot. Ungewöhnlich und einzigartig ist das Material, mit dem Susanne Kiebler arbeitet. Anstelle einer Kupfer-, Zink oder Messingplatte dienen gebrauchte Tetra Paks als Bildträger. Ein billiges Material, an dem auch die Arte Povera Künstler Gefallen gefunden hätten. Ein Produkt, das nach dem Gebrauch entsorgt wird, dient als Spiel- und Experimentierfeld der Künstlerin. In die weiche, glatte Verpackung lassen sich mühelos Zeichnungen ritzen. Diese sind – und das unterscheidet sie von einer herkömmlichen Radierung – alles andere als starr und steif. Doch das Material hat auch einen Nachteil: nur ein Abdruck ist möglich, sonst verschmieren durch die Kraft des Walzendrucks die Linien. Insofern ist jede Radierung ein Unikat. Zusätzlichen Reiz gewinnen die Arbeiten durch die Faltungen der Verpackungen. Und die Motive? Sie führen uns einmal mehr zu dem Kinderspiel zurück. Ein glücklicher Zufall, dass Susanne Kiebler es gefunden hat.

„memory“, Florian Weiland in „Susanne Kiebler – Malerei und Zeichnung“, Katalog zur Ausstellung Konglomerate, Kunsthalle Neuwerk, November 2012