Susanne Kiebler + steffenschöni: "Konglomerate"

Vernissage-Rede von Helga Sandl, Kunstwissenschaftlerin, zur Ausstellung „Konglomerate“ in der Neuwerk Kunsthalle, Konstanz, November 2012

Susanne Kiebler trifft auf das Künstlerpaar steffenschöni. Das sind Karl Steffen und Heidi Schöni. 

 

Diese Ausstellung erzählt von einer langen Geschichte. Einer Geschichte ohne Anfang und Ende. Es ist die, alle Zeiten überdauernde Geschichte vom Suchen, Finden und Verlieren, vom Enthusiasmus des Erfindens, von der Qual der Wahl. Die Geschichte erzählt von verstaubten Büchern, von den Hinterlassenschaften ganzer Völker, von den Fertigkeiten und Weisheiten alter Frauen und Männer, von vergessenen Welten und verborgenen Schätzen. Sie erzählt vom Brachland, von Spurenleserinnen und Zeichensetzern.

Diese Ausstellung ist ein mäandernder Prozess. 

 

Das Besondere an dieser Zusammenführung ist, die Art und Weise, wie die drei Künstler diese Geschichte erzählen, wie sie mit der Geschichte der Geschichten umgehen, wie sie sich mit ihr umgeben, sie vor sich ausbreiten. Sie schaffen sich dabei ein experimentelles Vorfeld, in dem sie agieren, das sie künstlerisch ausloten, vermessen und im Erzählschritt durchwandern. In der Arbeitsphase der inventio, der Stoffsammlung, fanden die drei ihre Gemeinsamkeit. Susanne Kiebler schöpft aus einem reichhaltigen Papierfundus, steffenschöni aus einem immensen Materialfundus. Wie kann man zusammen finden? Das ist ihre grundlegende Frage: Wie können wir als Künstler zusammenfinden aber viel entscheidender noch - wie kann man Dinge zusammen finden? Und alle drei wenden ihre Aufmerksamkeit besonders dem Gesichtlosen zu, dem, was aus dem Raster unserer Wahrnehmung herausfällt, dem Nutzlosen und Maroden, dem Vergilbten und Ausgedienten, den Restbeständen und Rudimenten der Zivilisation, all jenen Dingen ohne Erzählung, den Leerstellen in der Geschichte, dem was der Deutung enthobenen ist und deshalb schlicht erhaben ist über alle Interpretationen und Funktionszuweisungen.

 

Diese erhabenen Dinge können leere Tüten aus Tetrapack sein oder Betonreste. Die Künstler sammeln intensiv und aufmerksam, knietief stehen sie in den Anhäufungen ihrer Fundstücke.

Und was jetzt? Basis für die Magie ihrer Kreativität ist das Zusammendenken und Zusammensehen von Dingen, die nicht zusammengedacht oder -gesehen werden. Ergibt sich daraus aber automatisch eine notwendige neue Einheit? Eine neue Form?

 

Nach dem Gleichsetzen und Vereinen, nach der Zusammenschau müssen Entscheidungen gefällt werden. Entscheidungen zu fällen, bedeutet zwischen Alternativen wählen, Dinge müssen dafür wieder aufgeben, ja, geopfert werden. - Offenlagen durch Opfergaben.

Nach welchem Schema, nach welcher Methode und welchen Kriterien gehen sie dabei vor?

 

Memory 

Susanne Kiebler fand ein altes Memory aus den Siebzigern mit so langweiligen Landschaften darauf, dass dem Erinnerungsvermögen nichts zum Festhalten, dem Gedächtnis kein Anreiz zum Wiedererkennen geboten wird. Bildchen, die keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ein sehr schwieriges Memory, ein gar funktionsuntaugliches Memory, das dem Grundgedanken dieses Spielt zutiefts zuwiderläuft.

Es war genau diese Kleinigkeit, diese paradoxe Motivwahl, die obskure Farbigkeit der kleinen quadratischen Kärtchen, die den Impuls gab, genauer hinzusehen. Und Susanne Kiebler sah mehr. Sie sah Sinnlichkeit und Freiheit. Ein anderes Mal ist es die Exaktheit eines Millimeterpapiers oder der gekonnt gezeichnete Strich des Architekturzeichners, das grobe Raster eines Digitaldrucks, das sie inspiriert.

 

Ich zitiere aus Fernado Pessoas "Buch der Unruhe" eine Stelle, die Susanne Kiebler selbst  gefunden hat und Heidi Schöni und ich sind traurig und eifersüchtig, dass nicht wir diese Stelle fanden, weil sie so ungaublich treffend ist für die Fundstücke und Inspirationsquellen der drei KünstlerInnen: "Das Kleinste schmeckt nach Unwirklichem. Das Nutzlose ist schön, weil es weniger wirklich ist, als das Nützliche, das sich fortsetzt und verlängert, während das belanglos Wunderbare, das unendlich kleine Glorreiche bleibt." 

 

Gestapelt, geschichtet und übermalt - in der Bearbeitung negiert Susanne Kiebler die noch lesbaren Botschaften, alle Kennzeichnungen werden ignoriert, sie setzt sich darüber hinweg, setzt etwas anders darüber hinweg. Sinnentwertung und Sinnverwerfung gehen mit der kreativen Schöpfung einher. Die Künstlerin bricht die Intensität und Dichte auf und faltet die Bedeutungslosigkeit auf. 

Der Zug der Trennungslinie, ist gleichzeitig die Gestaltung der Leerstelle oder des Weiß, das mitgezeichnet wird. Susanne Kiebler kreiert im Bann jenes Denkens, jener Schöpfung, die aufbricht und nicht besänftigt werden kann, weil sich mit dem Aufreißen der Lücke, die Lücke selbst offenbart. Und je fragmentarischer die Linien und damit die konkreten Formen werden, desto raumbildender und lebendiger wird die Leerstelle, die Aussparung, das Weiß.

 

Wann und wo genau zieht man die Trennungslinie, zieht das Weiß in die Unendlichkeit der Erzählung hinüber? 

Es ist die leidenschaftliche Frage der Genauigkeit, der Susanne Kiebler nachgeht. Es ist die exakte Setzung zwischen Etwas und Nichts.

Es ist jene labile Balance, zwischen Perfektion und Improvisation, der Zustand der perfekten Unvollkommenheit, den das Kunstwerk darstellt. 

Dann erst treffen sich tiefentrunkenes Weiß und luftiges Schwarz, rein fügt sich Schwarz an Weiß, setzt sich daneben, steigt hoch hinauf und bleibt liegen. Oft ist das Weiß so dicht, dass es über die Ränder der Bilder hinaus määandert, Durchgänge markiert und Übergänge beginnt oder Anklänge der Unabschließbarkeit hervorbringt. 

 

Es ist das Geschick, das die perfekte Unvollkommenheit entstehen lässt. Geschick meint einerseits eine Fähigkeit, ein Können und gleichzeitig bedeutet es auch Schicksal, eine höhere Macht, die unerklärbar wirkt und beeinflusst. Absichtsvoll hält sich Susanne Kiebler auf dem doppelten Boden dieses Geschicks auf und erhält das Fragmentarische, indem sie es vervollkommnet.

 

Im rhythmischen Schlagen des Hammers, wird eine Schüssel getrieben, 

Fremdheit mischt sich mit Vertrautem. Das handwerkliche Geschick, die routinierte Handhabung, Jahrzehnte lange Übung, Jahrhunderte lange Überlieferung tönen in jedem Hammerschlag mit.

 

Der Blick des Istanbuler Steinmetzes in die Kamera, während er gleichmütig und fast beiläufig weiter seine Rosette in den Marmor schleift. Wie geht das? Eine Fingerübung, in Fleisch und Blut übergegangene antrainierte Fähigkeit? Die Videoarbeiten von steffenschöni fokussieren einfache Tätigkeiten, die in einem Zwischenbereich anzusiedeln sind. Zwischen dem Hang zur Perfektion und einer beseelten, lässigen Schludrigkeit des Alltäglichen. Das absolut ungeeignete Objekt Mensch, also das wirklich absolut ungeeignetste Wesen, um etwas Perfektes hervorzubringen ist ihr Motiv.

 

Fingieren, erdichten, lügen und doch die ganze verdammte Wahrheit sagen oder zeigen. Was anderes tun Bücher, was anderes tun Schriftsteller?

Shakespear, Jules Vernes, Schiller Goethe, kunsthistorische Werke, liegen vor uns: sie sind Gefäße, in die ganze Kosmen, literarische Welten, Jahrhunderte umfassende Philosophien gegossen sind und brach darin herumliegen. steffenschöni aber geben eine Neuauflage dieser Bücher heraus: In Gips gegossen, wird das Medium selbst zur Erzählung.

Auch hier ist das ungeeignete Objekt die Herausforderung. Dass Künstlerpaar strebt nach dem perfekten Abguss eines Buches. Ein Buch taugt dafür aber herzlich wenig. Manchmal bleiben am Abguss Seitenfragmente haften oder Bücherrücken ragen heraus , Seiten reißen, Oberflächen werden porös. Aus dieser Unmöglichkeit heraus entwickelt sich der schwebende Zustand zwischen Spontaneität und Vollkommenheit.

steffenschöni mauern ihre Bücher ein, Archäologie rückwärts betrieben. Eine Rückversetzung in einen archäologischen Zustand, um neue Seiten des Buches aufschlagen zu können, sprich, neu lesen zu lernen.

 

steffenschöni ahmen Natur nach, weil uns Menschen das vom Vulkan Verschüttete ungemein interessiert. Geschickt benutzten sie die menschliche Neugier, um unsere Aufmerksamkeit auf das Andere der großen Geschichte zu lenken. Sie konstruieren den Unfall, das Unglück der Verschüttung, das Mißverständnis, die Dissonanz. Absichtsvoll lassen sie uns an möglichen Anfängen oder Abgründen stehen, führen uns zurück, subversiv und mit einem Augenzwinkern. 

Bücher wie Grabsteine, sie opfern das Buch, sie opfern seine Erzählung sie opfern auch den Autor,: Offenlagen durch Opfergaben.

In die neue Ordnung  streuen sie zusätzlich andere Findlinge ein, durchbrechen die Buchserie mit anderen Brocken aus der Geschichte, jenen Betonteilen, die ab und an in unregelmäßigen Abständen, unvorhersehbar, von der Decke des Ateliergebäudes von steffenschöni herabfallen; nicht ganz ungefährliche, noch verschlüsselte, rudimentäre, prickelnd ereignishafte, -  schwere Geschichte, deren Erzählung noch aussteht. 

 

Auch die Kisten mit den Bodenbohrproben, Proben die sie gerade noch kurz vor der Ausstellung wieder aus dem Abfall zurück ans Licht befördern konnten, sind Geschichte als verschüttete Unmittelbarkeit.

Mauerwerk und Gesteinsschichten künden von den Tiefen der Welt, den Randbeständen des Daseins, ein Klumpen Erde, festgefügt, betoniert - verhärtete Weltkruste - aufgebahrt in Kisten mit offenen Deckeln. Woran erinnern wir uns? Woran gemahnt uns das?

 

Memory

Auch in Japan spielt man Memory: Die am Boden ausgelegten und getürmten Kärtchen sind mit schlechten Abzügen von einer Japanreise beklebt. Sie sind geordnet, aufgereiht und doch bricht sich das Reguläre am Chaos. Sie alle haben zwei Seiten. Und jeder von uns hier darf in das Spiel einsteigen, die Karten wenden, Motive suchen, vielleicht auch das Pendant finden. Aber gibt es überhaupt ein passendes Kärtchen zu jeder der beiden Seiten? Woran können wir uns orientieren? Nach welchen Zeichen sollen wir suchen? Wo in dieser Überfülle sollen wir anfangen? Ist das mathematisch überhaupt möglich? Wie sollen wir dieses Spiel jemals zu Ende spielen? 

 

Die Memoryreihen sind eine Aufforderung, an uns, mitzusuchen, mitzuordnen, mitzugestalten, Aufforderung mit der Tradition zu brechen, mit den Gewohnheiten unserer Sehens. Sie fordern uns auf einfach einmal selbst ein kleines Zeichen zu setzen.

 

Eine sehr spannende Konstellation, reich an Bezügen, reich an Brüchen ist zwischen den Werken von Susanne Kiebler und steffenschöni entstanden. Diese Ausstellung ist ein mäandernder Prozess, der mehrfach, ja vielfach den Saal durchläuft, Anstösse gibt, Zusammenhänge gebiert und wieder zerstört, um irgendwo anders wieder anzusetzen und die Geschichte weiter neu zu erzählen.