"Papierarbeiten - Susanne Kiebler“

Vernissage-Rede „Landschaftliches“ von Frank Nievergelt zur Ausstellung „Papierarbeiten - Susanne Kiebler“ in der Kunsthalle Wil, 2009

Das Atelier von Susanne Kiebler befindet sich am Rande von Konstanz in einer umgebauten Industrieanlage. Betritt man den großen Raum, genießt man freie Sicht auf die an den Wänden oder an diese angelehnten neuen Bilder. Sie fesseln den Betrachter unmittelbar durch ihre auf den ersten Blick nicht zu erschließenden Inhalte. Als Arbeitsfläche dient der Künstlerin der Boden. Unübersehbar ist hier der Ort, wo die Bestandteile und ganze Werke entstehen. Auf große Papierbahnen schüttet oder sprüht sie Farbe, stellt Abklatsche unterschiedlichster Strukturen her und zeichnet. Dies ist ihr eigentliches Medium und so ist der eigentliche Bildträger stets Papier, das auf Leinwand oder Metallplatten aufgezogen wird. Das mehrlagig am Boden  ausgebreitete Rohmaterial bezeichnet Kiebler als ihr Bildreservoir. Aus diesem Fundus wählt sie Stücke aus, die collageartig zusammengefügt und überzeichnet werden. Die Anregungen für ihre bildnerische Welt findet Kiebler in der nächsten Umgebung. Der Blick aus dem Fenster- Wiese, Sträucher, Straßen und eine Betonbrücke- vermischen sich mit Bildsequenzen der Erinnerung. Eine Farbe, ein helles Blau oder Grün-Gelb mit Schwarz für Strukturen und Zeichnungen und Weiß sind die gestalterischen Mittel.

In ihrer künstlerischen Strategie fokussiert Kiebler Gegenstände, beispielsweise möblierte Innenräume, oder sie entfernt sich davon, um in der Unschärfe der Erinnerung fündig zu werden. Die Interieurs mit Bett, Stuhl oder anderen Objekten sind ausschnittartig gefasst und in Reihen oder Gruppen mit abstrakten Zeichnungen und organischen Formen angeordnet. In der Zusammenstellung treten die ganz unterschiedlichen Bilder in einen inhaltlichen Dialog und verschmelzen zu einer neuen, übergeordneten Bildrealität. Neben den perspektivisch dargestellten Innenräumen entziehen sich die übrigen Bildsequenzen einer rationalen Zuordnung. Bei den neuen Landschaften werden die verschiedenen Ebenen nicht in einem Nebeneinander, sondern im selben Bildquadrat, sich teilweise überlagernd, angelegt. Variantenreich kommt Bewegung zum Ausdruck, in der Fluktuation von Strukturen und Formen auf der Fläche unter gemaltem und geschüttetem Blau als eine Raumschicht, die sich optisch über den Bildrand hinaus ausdehnt. Aus der an Wolken, Wellen oder Erdformationen erinnernden Malerei fließen Rinnsale frei zu den Rändern hin. Kompositorisches Kalkül und Spontanes aus dem emotionalen Moment heraus Gestaltetes halten sich bei den Bildern in der Balance. Es entstehen Übergänge, an denen die malerischen Strukturen als Erläuterung des Gegenständlichen- in diesem Fall der Landschaft- oder als freie formen gelesen werden können. In die ausschnitthaften malerischen Partien fügt Kiebler weiträumige, feine, lineare Zeichnungen ein. Diese erwecken den Eindruck flüchtiger Notate und zeugen von einer spröden Sensibilität. Die Künstlerin geht mit ihren gestalterischen Mitteln behutsam um. Die Zeichnung erscheint eher als sperrige Spur gelebter Gegenwart, die im Bildraum auftauchend einen wesentlichen Teil der spannungsreichen Inszenierung darstellt, in der sich Emotion und Intuition verbinden. Das individuelle Erfassen der Realität und die Selbsterfahrung der Künstlerin sind eher Ausgangspunkt für die Abfolge gestaltender Handlungen, die ein Geflecht formaler Beziehungen entstehen lassen. In diesem Sinne verbinden die „ Landschaften“ die Atelieraussicht mit persönlichen Erfahrungen und zeigen so die Wirklichkeit in ihrer ganzen Fülle und Widersprüchlichkeit.

Titel wie“ Landschaft“ lenken unsere Vorstellung in eine bestimmet Richtung, „ Landschaftliches“ wäre eine zutreffendere, offenere Beschreibung. Aus der Verknüpfung von Gesehenem und der Erfindung entstehen Bilder, in denen das Sichtbare in der Welt des Traumes und der Traum in die Sphäre des realen wechseln. Das eröffnet dem Betrachter die Möglichkeit, sich freie in diese Bildräume zu vertiefen. Auf die dabei auftauchenden Fragen liefert die Künstlerin keine fertigen Antworten.  Sie belässt es bei Andeutungen, die freilich gerade durch ihre Offenheit zu beruhigen vermögen. In Metaphern für Fließendes und Flüchtiges, für den Augenblick, den anzuhalten uns nur im Kunstwerk vergönnt ist, formuliert Kiebler ganz Grundsätzliches zum Thema Landschaft.