"Papierarbeiten - Susanne Kiebler"

Vernissage-Rede von Frank Nievergelt zur Ausstellung „Papierarbeiten- Susanne Kiebler“ in der Torhaus Galerie, Leutkirch, Juli 2010

Ich freue mich, Ihnen heute ein paar einführende Worte zu den hier ausgestellten Arbeiten einer Künstlerin geben zu können, die mit ihrem eigenwilligen Schaffen zunehmend Anerkennung findet, auch wenn sie damit nicht im Strom des Modischen schwimmt.

 

Das Atelier von Susanne Kiebler befindet sich am Rande von Konstanz in einer umgebauten Industrieanlage. Betritt man den grossen Raum, geniesst man freie Sicht auf die  an den Wänden hängenden oder an diese angelehnten neuen Bilder. Sie fesseln den Betrachter gleich durch ihre auf den ersten Blick nicht zu erschliessenden Inhalte und Räumlichkeit. Keine Staffelei verstellt den Raum. Als Arbeitsfläche dient der Künstlerin der Boden. Unübersehbar ist hier der Ort, wo die Bestandteile und ganze Werke entstehen. Auf grosse Papierbahnen schüttet oder sprüht sie Farbe dem Werden Spielraum gebend. Auf dem sich wellenden Paper läuft die Farbe in alle Richtungen und es bilden sich kleine Pfützen. Sie stellt Abklatsche unterschiedlichster Strukturen her und zeichnet. Dies ist ihr eigentliches Medium und so ist der Bildträger stets Papier, das auf Leinwand oder Metallplatten aufgezogen wird. Das weiträumig und mehrlagig am Boden ausgebreitete Rohmaterial bezeichnet Kiebler als ihr Bilderreservoir. Aus diesem Fundus wählt sie Stücke aus, die collageartig zusammengefügt und überzeichnet werden. Die aktuellen grossformatigen Bilder bestehen aus einem Papierblatt, das aus den bearbeiteten Bahnen geschnitten wurde, um dann durch weitere malerische und zeichnerische Interventionen zum gültigen Kunstwerk erarbeitet zu werden. In diesem Vorgang ist bereits das Prinzip des Ausschnitts angelegt. Die Anregungen für ihre bildnerische Welt findet Kiebler in der nächsten Umgebung. Der Blick aus dem Fenster – Wiesen, Pflanzen, Sträucher, Zweige, Strassen und eine Betonbrücke – vermischen sich mit Sequenzen der Erinnerung, dem Material, welches auftaucht aus dem eigenen Speicher an Zeichen, Formen und Strukturen. Eine Farbe, ein helles Blau oder Grün-Gelb mit Schwarz für Strukturen und Zeichnungen und Weiss als Malmaterial oder Bildgrund sind die eingesetzten gestalterischen Mittel. Das Atelier steht für Kiebler als Freiraum, um gestaltend Experimentelles, eigene Kreativität und Entdeckerfreude leben zu können.

 

Neben der Gestaltung illusionärer Bildräume, in die hinein wir uns im Bildgeviert vertiefen können, erforscht die Künstlerin zunehmend auch Möglichkeiten von real sich im dreidimensionalen Raum entfaltenden Werken. Diese plastischen Zeichnungen verbinden Objekt und malerische Oberfläche in bewegten Formen zu eigentlichen Bildkörpern. Vom Thema her gehören diese Wandobjekte zu den Landschaften. Analog zur Malerei interessiert die Künstlerin auch hier das nicht klar Umrissene, das ausschnittartige der Darstellung.

 

Die künstlerische Strategie von Kiebler fokussiert Gegenstände, beispielsweise möblierte Innenräume (Bsp. 2008), oder sie entfernt sich von dieser gegenständlichen Sicht, um in der Unschärfe der Erinnerung im Landschaftlichen fündig zu werden. Die Interieurs mit Bett, Stuhl oder anderen erkennbaren Objekten sind als Ausschnitt gefasst und in Reihen oder Gruppen mit abstrakten Zeichnungsstrukturen und organisch orientierten Formen angeordnet. In der Zusammenstellung treten die ganz unterschiedlichen Bilder in einen inhaltlichen Dialog und verschmelzen zu einer neuen, übergeordneten Bildrealität. Neben den perspektivisch dargestellten Innenräumen entziehen sich die übrigen Bildsequenzen weitgehend einer rationalen Zuordnung. Bei den neuen "Landschaften" werden die verschiedenen Ebenen nicht in einem Nebeneinander, sondern im selben Bildquadrat sich teilweise mehrfach überlagernd kombiniert. Variantenreich kommt Bewegung zum Ausdruck, in der Fluktuation von Strukturen und Formen auf der Fläche unter gemaltem und geschüttetem Blau als eine Raumschicht, die sich optisch über den Bildrand hinaus ausdehnt. Aus der an Wolken, Wellen oder Erdstrukturen erinnernden Malerei fliessen Rinnsale frei zu den Rändern hin. Kompositorisches Kalkül und Spontanes aus dem Moment heraus Gestaltetes halten sich bei den Malereien in der Balance. Es entstehen Übergänge, an denen die Strukturen als Erläuterung des Gegenständlichen – in diesem Falle der Landschaft – oder als freie Formen gelesen werden können. In diese als Ausschnitt gegebenen malerischen Partien fügt Kiebler weiträumige, feine, lineare Zeichnungen ein. Sie erwecken den Eindruck flüchtiger Notate und zeugen von einer spröden Sensibilität. Die Künstlerin geht mit ihren gestalterischen Mitteln behutsam um, das Elegante und Laute sind ihr fremd. Die Zeichnung erscheint eher als sperrige Spur gelebter Gegenwart, die im Bildraum auftauchend einen wesentlichen Teil der spannungsreichen Inszenierung darstellt, in der sich Emotion und Intuition verbinden. Das individuelle Erfassen der Realität und die Selbsterfahrung der Künstlerin sind der Ausgangspunkt für die Abfolge gestaltender Handlungen, die ein Geflecht formaler Beziehungen entstehen lassen. In diesem Sinne verbinden die "Landschaften" die Atelieraussicht mit persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen und zeigen so die Wirklichkeit in ihrer ganzen Fülle und Widersprüchlichkeit.

 

Titel wie "Landschaft" lenken unsere Vorstellung in eine bestimmte Richtung, Landschaftliches wäre eine zutreffendere, offenere Beschreibung. Aus der Verknüpfung von Gesehenem und Erfindung entstehen Bilder, in denen das Sichtbare in die Welt des Traumes und der Traum in die Sphäre des Realen wechseln. Die Landschaft im weitesten Sinne wird in diesen eigenständigen Arbeiten auf das Elementare reduziert. Das eröffnet dem Betrachter die Möglichkeit, sich frei in diesen Bildräumen zu bewegen. Auf die dabei auftauchenden Fragen liefert die Künstlerin keine fertige Antworten. Sie belässt es bei Andeutungen, die freilich gerade durch ihre Offenheit auch zu beunruhigen vermögen. In Metaphern für Fliessendes und Flüchtiges, für den Augenblick, den anzuhalten uns nur im Kunstwerk vergönnt ist, formuliert Kiebler ganz Grundsätzliches zum Thema Raum als "Landschaft" oder "Zimmer".

Nun wünsche ich Ihnen ein intensives Kunsterlebnis und einen schönen Tag.