"Susanne Kiebler. Raumbilder und Objekte"

Vernissage-Rede von Dr. Barbara Stark zur Ausstellung "Susanne Kiebler. Raumbilder und Objekte" in der Galerie Kunst & Sehen, Schaffhausen, Mai 2006

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

so viele Künstler es gibt, so vielfältig sind auch die Quellen, aus denen sich ihr künstlerisches Schaffen speist. Der eine schöpft nur aus sich heraus, gibt inneren Bildern, Träumen und Visionen Gestalt, der andere dagegen geht vom Naturvorbild aus, das er in mehr oder weniger freier Übersetzung adaptiert. Für dritte wiederum ist das Naturvorbild oder besser, das real Vorgefundene, nur einer von vielen möglichen Ausgangspunkten, die entweder zu weiterführenden formalen oder aber inhaltlichen Experimenten Anlass geben. 

Susanne Kiebler zählt zu jenen Künstlern, die zwar in der Abgeschiedenheit ihres Atelier arbeiten, sich aber die Welt ins Haus holen, indem sie sich von fotografischen Vorlagen inspirieren lassen. Damit folgt Susanne Kiebler einer zeittypischen Prämisse: in unserer medialisierten Kultur ist das Erleben so stark von Bildern geprägt, dass diese ebenso wichtig sind wie die dinghafte Welt, die uns umgibt. 

Susanne Kieblers Phantasie entzündet sich dabei jedoch keineswegs an spektakulären Vorlagen, sondern unter anderem auch an Aufnahmen und Fotos, die auf den ersten Blick völlig banal wirken. So lag bei meinem letzten Atelierbesuch ein altes Du-Heft aus den 60er Jahren auf ihrem Arbeitstisch. Aufgeschlagen eine Seite mit der Abbildung eines Innenraums, der nach damaligen Kriterien hochmodern gewesen sein muß. Man sah einen langrechteckigen Couchtisch aus markant gemasertem Teakholz, der vor einem ebenso langrechteckigen Sofa stand, das mit einem unaufdringlich wirkenden Karostoff bezogen war. Hinter dem Sofa wurde der Raum durch einen Vorhang abgetrennt, auch er im Karodesign gehalten, diesmal jedoch recht auffallend in seiner Musterung. Auf dem Couchtisch stand einsam und allein eine nach oben konisch zulaufende blaue Glasvase, darin eine langstielige Rose.

 

Ja gut, werden Sie erstaunt fragen, was hat aber dieses Foto mit Susanne Kieblers Kunst zu tun? Nun, eine ganze Menge. Schauen Sie sich zunächst die hier ausgestellten Arbeiten an, vergegenwärtigen Sie auch den Titel dieser Ausstellung - Raumbilder und Objekte - und Sie werden merken, dass es im Werk dieser Künstlerin vor allem und immer wieder um die Frage geht: was ist ein Raum, konkreter, was ist ein Bildraum?

Bereits in ihren älteren Arbeiten, in denen gegenständliche Elemente wie Schalen, Tische oder Häuser die Bildfläche bevölkerten, ging es der Künstlerin weniger um die Darstellung dieser Gegenstände als solcher, als um die Evokation einer plastischen, dreidimensionalen Form von Räumlichkeit, die als Spannungsmoment in das Farb- und Lichtraumgefüge des Bildes hineinwirkt. Es ging nicht darum, ein Stillleben zu malen, sondern die Relationen, die Verhältnismäßigkeiten und Gegensätze verschiedener Farb-, Form- und Raumqualitäten auf der zweidimensionalen Fläche des Bildes bis an ihre Grenzen auszuloten.

Auch in ihren jüngsten Arbeiten erprobt die Künstlerin die Wirkkräfte der gestalterischen Mittel - nur spielen sich die Versuche jetzt oftmals in konkret dargestellten, architektonisch angelegten Bildräumen ab. Aufgebaut nach den klassischen Regeln der Zentralperspektive konstruieren die mit schwarzer Kohle oder Kreide energisch gemalten Linien ein dreidimensionales Raumgefüge. Doch diese so festgefügt daherkommenden Raumzeichnungen werden aufgebrochen, indem die Künstlerin schwarze gitterartige Muster oder farbige Papierteile als abstrahierende Elemente einfügt und das Ganze zum Schluß mit einem Dripping von schwarzem oder weißen Lack überzieht.

So stoßen in diesen neuen Arbeiten von Susanne Kiebler nicht nur verschiedenste Perspektiven und damit einander widersprechende Raumauffassungen aufeinander, sondern auch unterschiedlichste Stofflichkeiten. Stumpfe Kreidelinien treffen auf mit Acrylfarbe angemaltes Packpapier oder werden von spiegelnden Lackflecken überstrahlt. Mattes trifft auf Glänzendes, Auflösung steht gegen Verdichtung, Struktur begegnet Formlosigkeit, Aufgeklebtes hebt sich vom Flächenhaften ab.

 

Nun, wundert es Sie noch, warum Susanne Kiebelers Phantasie auf jenes scheinbar belanglose Bild aus dem Du-Heft ansprang? Es war das sich darin ausdrückende Aufeinandertreffen divergierender Raum- und Materialqualitäten, das die Künstlerin interessierte, in welchem sie Parallelen zu ihrem eigenen Kunstwollen entdeckte.

Schon von jeher war Susanne Kieblers Werk, das im Spannungsfeld von Zeichnung und Malerei angesiedelt ist, geprägt von ihrer Vorliebe für haptisch und visuell reizvolle Strukturen und Farbklänge und damit auch für eine unmittelbar sinnliche Wirkung. Mit was für unterschiedlichen Papieren und Malgründen hat sie daher nicht schon im Laufe der Jahre gearbeitet! Weder Schleifpapier noch Gummimembranen, um nur zwei Extreme zu nennen, waren vor ihrer Experimentierlust sicher. Es ist jedoch vor allem Packpapier, mit Vorliebe knittriges, gebraucht wirkendes graubraunes Packpapier, das ihr als Arbeitsfläche dient und erst nach der Bearbeitung auf Leinwand aufgezogen wird. Dabei geht es der Künstlerin jedoch weniger um die Verwandlung einer Papier- in eine Leinwandarbeit als um die veränderte haptische und materielle Wirkung, die sich für das Papier aus dem Aufkaschieren ergibt. Straff wie ein Trommelfell spannt sich nun den Papiergrund, dessen flächenhafter Charakter zugleich aufgehoben und in eine angedeutete Reliefform überführt wird.

Die sinnliche Qualität ihrer Malgründe spielt für Susanne Kiebler eine ebenso große Rolle wie die Farbe als solche. Dabei kommt nicht nur der Art des Farbauftrags eine wichtige Rolle zu, sondern auch dem zur Anwendung gelangenden Kolorit. Mal sitzt die Farbe nur als schwarze oder weiße Linie auf dem Papier, dann wieder formieren sich grobe, ruppig aufgetragene Pinselzüge zu changierenden Farbflächen. Partien von Farb-Sättigung stehen neben ausgemagerten Farb-Feldern, gemaltes Licht scheint in Schattenzonen gefangen und behauptet aufgrund der diaphanen Struktur des Kolorits dennoch seine Leuchtkraft. Es entsteht, auch dies ein probates Mittel, um Raum zu thematisieren, ein ständiges Gegen- und Miteinander der übereinander gelegten oder sogar nach dem Collageprinzip aufgetragenen Farbschichten.

In den jüngsten Arbeiten von Susanne Kiebler gelangen vor allem Apfelgrün, Orange, Taubenblau und ein morbides Olivgrün zur Anwendung. Schwarz und Weiß werden als Kontrast gesetzt. Der Künstlerin ist der entstehende Farbklang wichtig, der ebenso unmittelbar auf den Betrachter wirken soll wie die stofflichen Qualitäten ihrer Arbeiten. Dass sie dabei auf einem schmalen Pfad wandelt, weiß Susanne Kiebler sehr wohl. Heikel ist der Einbezug mancher Farbe. Wie leicht läßt ein Zuviel von jenem verführerischen Apfelgrün ein Bild ins Dekorative abgleiten, wie schnell kann ein falsch dosiertes Orange die Komposition artifiziell erscheinen lassen! Doch auch in dieser Hinsicht gelingt es der Künstlerin, den richtigen Ton zu treffen und ihre Bilder in einem spannungsvollen Schwebezustand zu halten.

 

Auf ihrer Suche nach den Kriterien, die den Bildraum konstituieren und immer wieder neu erfinden hat sich Susanne Kiebler noch einen Schritt weiter hinaus begeben. Neuland betritt sie mir ihren Objekten, in denen sie nun wirklich dreidimensionale, farbige Papierformen mit monochromen Farbflächen kombiniert. Das Reliefhafte ihrer bisherigen Arbeiten, die Tendenz, in den Raum vorzustoßen, wird hier konsequent weiter entwickelt. Was scheinbar völlig abstrakt wirkt, beruht jedoch, wie die Raumbilder, oft auf konkreten Vorlagen, geht auf Impulse zurück, die die Künstlerin von außen erfuhr. Dennoch wollen ihre Werke, gerade die Objektarbeiten machen dies deutlich, keine inhaltlich Vorgaben machen und überschreiten daher auch nicht die Schwelle zum Begrifflichen. Bewußt läßt Susanne Kiebler Freiraum - für den Betrachter und sich selbst.

 

Es ist ein begrenzter, immer wiederkehrender Farb-, Form- und Zeichenkanon, der Susanne Kieblers Werke bestimmt, aber seine Bestandteile sind sorgsam gewählt, trotz aller scheinbarer Spontaneität genau platziert und formieren sich zu einfühlsamen Bildern künstlerischer Weltaneignung. So präsentieren sich die verwendeten Elemente wie musikalische Themen, die nach Durchführung, Veränderung und Variation verlangen und diese Leitgedanken ebenso vielfältig wie immer wieder überraschend neu realisieren. Susanne Kieblers jüngste Arbeiten sind der eindrückliche Beweis.